Tierischer Türöffner

Tierischer Türöffner

Marlen König fällt auf. Nicht nur, weil in ihre kurzen schwarzen Haare ein Regenbogen eingefärbt ist, sondern auch weil die 28-Jährige kleiner ist als andere Menschen. Sie hat Glasknochen und ist auf einen Rollstuhl angewiesen. Immer an ihrer Seite ist ihr Behinderten-Begleithund Flocke, der mehr leistet, als es auf den ersten Blick scheint.

„Such Schuh!“, ruft Marlen König dem hellbraunen Mischlingsrüden vom anderen Ende des Zimmers zu. In ihrem 150 Kilo schweren Elektro-Rollstuhl sitzt sie etwas erhöht wie auf einem kleinen Thron, den sie per Handsteuerung ein Stück nach oben und unten, vorn und hinten verschieben kann. Ihre Wohnung im Erdgeschoss im Berliner Bezirk Spandau hat breite Türen und ausreichend groß geschnittene Räume, damit Marlen König mit ihrem Rolli überall herankommt. Penibel aufgeräumt muss es für sie aber nicht sein. Wenn sie von der Arbeit kommt, wirft sie ihre Klamotten gerne gedankenlos von sich. Mit Flocke kann sie sich diese Freiheit erlauben. Er schaut kurz im Zimmer herum, bis er den halb unter einen Schrank gerutschten Turnschuh entdeckt. Auf das Kommando „Bring“ eilt er damit schwanzwedelnd zu seinem Frauchen und stellt sich in freudiger Erwartung mit den Vorderpfoten auf die Fußstütze des Rollstuhls. Marlen König muss ihm den Schuh nur noch aus dem Maul nehmen, das verdiente Leckerli folgt sofort.

Die Sache mit der Greifhilfe
Oft hört Marlen König, dass sie für das Aufheben von Gegenständen auch eine Greifhilfe nutzen könnte – ein dünnes Aluminiumrohr mit einer Greifklaue, die per Abzug am anderen Ende betätigt wird. Um zu zeigen, weshalb Flocke für sie so wichtig ist, holt sie eine Greifhilfe hervor und angelt damit nach dem zweiten Turnschuh. Der Schuh ist schnell gegriffen, doch genauso schnell wird klar: Marlen Königs Arme sind zu kurz, um den Schuh mit der freien Hand aus dem Greifer zu nehmen. Denn eine häufige Begleiterscheinung der Glasknochenkrankheit, der umgangssprachliche Begriff für die angeborene Bindegewebsstörung Osteogenesis imperfecta, ist Minderwuchs. „Ich habʼ keinen Radius“, erklärt Marlen König die Problematik in ihrer mundfaulen Art. Doch sie weiß sich, wie das meist der Fall ist, zu helfen: Sie hält die fünfzig Zentimeter lange Stange senkrecht über ihren Kopf und lässt den Schuh in ihren Schoß fallen. Wenn auch deutlich langsamer und umständlicher als Flocke – es funktioniert, mit dem Schuh zumindest. Mit größeren, schwereren oder sensiblen Gegenständen oder mitten im Gedränge in einem Berliner U-Bahnhof wird es abenteuerlich. Für Menschen wie Marlen König, die sich mit einer unbedachten Bewegung leicht selbst einen Knochen brechen können, wird es gefährlich.

Hilfebedürftig erscheint einem die taffe Berlinerin jedoch nicht, wenn man ihr zum ersten Mal begegnet. Ihre Handgriffe sind routiniert, das Smartphone gleitet immer wieder ganz nebensächlich aus der Tasche, um auf neue Nachrichten kontrolliert zu werden. Doch wenn etwas herunterfällt, ist Marlen König aufgeschmissen. Dann ihren WG-Mitbewohner oder unterwegs einen Fremden um Hilfe zu bitten, ist auf Dauer nervig – für beide Seiten. Mit ihrer direkten Art hat Marlen König zwar keine Probleme, auf Menschen zuzugehen, doch sie ist immer auf deren guten Willen angewiesen und ihren Launen ausgesetzt. Marlen König bevorzugt die Hilfe ihres tierischen Begleiters. „Ich brauchʼ dann keinen an der Backe“, bringt sie es auf den Punkt. Der mittelgroße Terrier-Mischling mit den Schlappohren ist immer zur Stelle und weiß auf Kommando sofort, was zu tun ist. „Ein Hund ist auch diskreter“, schmunzelt Marlen König. „Ich muss nichts erklären und kann mich immer auf ihn verlassen.“ Selbst etwas erstaunt, fügt sie hinzu: „Menschen haben mir schon versehentlich Knochen gebrochen – mein Hund noch nie.“

Kein gewöhnlicher Hund
Flocke holt per Knopfdruck den Aufzug, öffnet Türen, schaltet das Licht an, bringt das klingelnde Telefon oder hebt ein heruntergefallenes Geldstück auf. Was für Marlen König eine erhebliche Entlastung und ein Gewinn an Selbstbestimmung ist, ist für Flocke ein spielerisches Tauschgeschäft. Doch ganz so einfach, wie es aussieht, ist es nicht. Damit sich Marlen König in jeder Situation auf ihren Hund verlassen kann, müssen die Kommandos auch unter Ablenkung auf den Punkt sitzen. Schon von klein auf bildet sie den dreijährigen Rüden zu ihrem persönlichen Assistenten aus.

Beim Training unterstützt sie der Verein „Hunde für Handicaps“ (HfH), der sich vor 25 Jahren aus einer Selbsthilfeinitiative körperlich behinderter Hundehalter gegründet hat. Heute bilden die ehrenamtlichen, teils selbst behinderten Trainerinnen des Vereins Assistenzhunde aus – und befähigen auch ihre Halter dazu. Die Ausbildung richtet sich nach Standards, die von der Dachorganisation „Assistance Dogs Europe“ vorgegeben sind. In der Vereinigung ist HfH der einzige deutsche Verein, der aus der Selbsthilfe kommt. „Wir wollen die Menschen zu Experten in eigener Sache und nicht nur zu Sachleistungsempfängern machen“, erklärt Sabine Häcker, erste Vorsitzende des Vereins. Das unterscheidet HfH von anderen deutschen Assistenzhunde-Ausbildern.

Hunde für Handicaps kennt Marlen König schon aus Kindertagen. Mit sieben Jahren war sie Mitte der 1990er Jahre eine der ersten, die von HfH mit einem Behinderten-Begleithund versorgt wurde. Ihre Mutter war in einem Fernsehbeitrag auf den Verein aufmerksam geworden. Ashley, ein Golden Retriever, war bereits fertig ausgebildet, als er zu Marlen König kam. Seine ersten zwei Lebensjahre hatte er bei einer Patenfamilie verbracht, die für seine Sozialisierung und Grundausbildung verantwortlich war. Für die so genannte Fremdausbildung setzt der Verein fast ausschließlich auf Golden Retriever und Labradore. „Unter ihnen finden wir häufig gesunde, gelassene und belastbare Hunde, die gerne mit Menschen zusammenarbeiten.“, erklärt Sabine Häcker. Zudem wurden diese Rassen gezüchtet, um geschossene Beute aufzuspüren und zum Jäger zu bringen. Eine perfekte Voraussetzung für den Job als Behinderten-Begleithund.

Strenge Standards helfen allen
Ganz gleich, ob in Fremd- oder Selbstausbildung, am Ende steht die Assistenzhund-Team-Prüfung. Sie wird von speziell geschulten und von der Industrie- und Handelskammer Potsdam zertifizierten Prüfern abgenommen, um die Qualifikation der Hunde nachzuweisen. Die bestandene Prüfung kann hilfreich sein, wenn es darum geht, ob das Tier trotz Hundeverbot mit ins Restaurant oder ins Lebensmittelgeschäft darf.

Um die Prüfung zu bestehen, müssen die Hunde neben dem Spaß am Lernen eine einwandfreie körperliche und psychische Verfassung mitbringen. Wenn die Hunde mindestens ein Jahr alt sind, wird ihr Verhalten in unterschiedlichen Umgebungen mit verschiedenen Reizen getestet. Mal stürmt eine Person auf das Tier zu und versucht, ihm eine Streicheleinheit aufzudrängen, mal greift jemand zeitgleich zum Hund nach einem heruntergefallenen Gegenstand. Laut Prüfungsordnung soll ein Behinderten-Begleithund in jeder Situation gleichgültig reagieren. Sabine Häcker erklärt: „Die Hunde dürfen in fremden Menschen und ungewöhnlichen Situationen keine Bedrohung sehen. Sie müssen entspannt zulassen, dass jemand zum Beispiel den Rollstuhl ihres Halters anfasst. Auf gar keinen Fall darf der Hund seinen Halter verteidigen wollen.“ Das ist wichtig, damit der Hund nicht im Weg ist, wenn der Halter einmal auf menschliche Hilfe angewiesen ist, aber auch damit der Hund überall dabei sein kann – ob im Einkaufszentrum, im Kino oder, wie bei Marlen König, am Arbeitsplatz.

Die strengen Gesundheits- und Verhaltensstandards dienen nicht zuletzt auch dem Wohl der Tiere. Für einen unausgeglichenen oder gelenkkranken Hund würde der Job schnell zur Belastung werden.

Tierische Assistenz als Luxusgut
Für die Ausbildung von Behinderten-Begleithunden gibt es keinen öffentlichen Kostenträger. Die bis zu 25.000 Euro für Anschaffung, Futter, Haltungsmaterial, Tierarztbesuche, Einzeltrainings und Prüfungen pro ausgebildetem Tier muss der Verein gemeinsam mit den Haltern aufbringen – mit Spenden und Sponsoren, Mitgliedsbeiträgen und Eigenbeteiligung.

Ganz anders ist das bei Blindenführhunden. Sie sind seit 1981 als Hilfsmittel anerkannt und werden von der Krankenkasse finanziert. Der GKV-Spitzenverband, der Verband der gesetzlichen Krankenversicherungen in Deutschland, erklärt diese Diskrepanz über seine stellvertretende Pressesprecherin: „[Ein Blindenführhund] ist im Hilfsmittelverzeichnis aufgeführt, weil die Folgen der Behinderung damit unmittelbar im gesamten täglichen Leben ausgeglichen werden. […] Ein Assistenzhund im Sinne etwa eines Behinderten-Begleithundes dagegen entspricht diesen Kriterien eines Hilfsmittels nicht, denn für seinen Einsatz gibt es kein konkretes Behinderungsbild.“

Sabine Häcker ist neben ihrer ehrenamtlichen Arbeit Expertin für Blindenführhunde beim Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband. „Kein Hilfsmittel gleicht die Auswirkungen der Behinderung im gesamten täglichen Leben aus.“, entgegnet sie. „Ein Führhund ermöglicht keinen Behinderungsausgleich, wenn eine blinde Person beim Einkaufen die Zutatenliste eines Produkts lesen will. Im Übrigen sind auch Rollstühle keinem bestimmten Behinderungs- oder Krankheitsbild zuzuordnen.“

Doch auch das zuständige Bundesministerium für Gesundheit ist der Auffassung, dass Behinderten-Begleithunde „in der Regel keinen hinreichenden Beitrag zur Befriedigung der von der Rechtsprechung anerkannten Grundbedürfnisse des täglichen Lebens [leisten]. Soweit sie teilweise hierzu beitragen können, ist davon auszugehen, dass es wirtschaftlichere Versorgungsalternativen gibt.“

In dem Hinweis auf die nötige Wirtschaftlichkeit der Versorgung mit einem Hilfsmittel gemäß dem Sozialgesetz sieht Sabine Häcker keine stichhaltige Argumentation: „Im Vergleich zu den Kosten, die durch menschliche Assistenz entstehen, ist ein Assistenzhund ein Schnäppchen. Ganz davon abgesehen, dass der Zugewinn an Freiheit und Privatsphäre für eine Person, die sonst 24 Stunden auf menschliche Assistenz angewiesen wäre, mit Geld nicht aufzuwiegen ist.“

Ein positives Zeichen kam im November 2015 von höchster Stelle: Sabine Häcker wurde mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Anlässlich der Verleihung lobte die Bundesministerin für Arbeit und Soziales, Andrea Nahles, die Arbeit von Hunde für Handicaps: „Ein Behinderten-Begleithund kann zum Türöffner werden. Er leistet praktische Hilfe, weicht nicht von der Seite und schenkt jeden Tag ein Stück Selbstständigkeit, um mittendrin im Leben zu sein.“

Das Bundesministerium für Gesundheit hält die von der Rechtsprechung entwickelten Grundsätze jedoch für sachgerecht. „Die Krankenkassen können letztlich nicht für alle Leistungen zum umfassenden Ausgleich sämtlicher Behinderungsfolgen aufkommen.“, heißt es.

Dabei hat sich Deutschland 2009 der UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet, nach der Menschen mit Behinderung „die volle Teilhabe an allen Aspekten des Lebens“ zu ermöglichen ist. Die Sicherstellung einer „unabhängigen Lebensführung“ mit „größtmöglicher Selbstbestimmung“, auch mit Hilfe tierischer Assistenz, wird darin immer wieder betont.

Marlen Königs Lebensrealität sieht anders aus: Der Assistenzhund ist ihr Privatvergnügen. Mit dem Halbtagsjob als Bürokraft in einer Zentrale für Hausnotrufe sind die Kosten für Unterhalt und Trainingsstunden alles andere als einfach zu stemmen. Aber Marlen König weiß, was sie an ihrem Hund hat: „Egal, was passiert, Flocke findet eine Lösung.“ Denn es gibt Situationen, in denen der Hund tatsächlich Gold wert ist. Von einer Freundin, die ebenfalls auf einen Rollstuhl angewiesen ist und einen Assistenzhund besitzt, erzählt sie: „Ihr ist einmal der Wohnungsschlüssel die Kellertreppe ʼruntergefallen. Sie wohnt in der Pampa und kein Nachbar war da. Ohne den Hund hätte sie ewig auf Hilfe gewartet.“

Die nächsten Ziele sind gesteckt
Marlen König und ihr Hund befinden sich noch in der Ausbildung. „Flocke muss quasi unsichtbar sein. Daran müssen wir noch arbeiten.“, räumt sie ein. Aber schon jetzt unterstützt Flocke sein Frauchen in allen Lebenslagen. „Ich möchte den Stinker nicht missen.“ sagt Marlen König. „Er ist ja nicht nur ein Hund für mich, er ist auch ein Nutztier.“ Sabine Häcker zeigt sich optimistisch: „Marlen und Flocke sind ein super Team! Die machen ihren Weg, da habe ich keine Zweifel.“

Hunde für Handicaps wird sich neben der Ausbildung von Assistenzhunden weiterhin für ihre Anerkennung als Hilfsmittel stark machen. „Wir werden noch viel Aufklärungsarbeit in Gesellschaft und Politik leisten müssen, damit Inklusion und Teilhabe behinderter Menschen nicht nur große Worte bleiben. Das betrifft auch die Finanzierung und die Zugangsrechte von Assistenzhunden.“, blickt Sabine Häcker in die Zukunft.

Dass Marlen König gelernt hat, Flocke selbst zu trainieren, schätzt sie an Hunde für Handicaps besonders. Sie kann ihrem Hund jederzeit ganz nach ihren Bedürfnissen neue Kommandos beibringen. Um sich, wenn sie im Dunkeln von der Arbeit nach Hause fährt, sicherer zu fühlen, soll Flocke das Bellen auf Kommando lernen. Aber auch im Haushalt bleibt noch einiges zu tun. So hat der Rüde kürzlich gelernt, die Toilettenspülung mit der Pfote zu betätigen. „Den Klodeckel vorm Spülen ʼrunterzuklappen, das kommt als nächstes dran“, grinst Marlen König.


Autor und Copyright: Sabine Richter, Journalistin und Redakteurin, E-Mail: sabineri(at)gmx.de