Aquae Granni und ein Hund – ein Reisebericht aus Aachen
Herkunft und Name
Mein Assistenzhund kommt aus einem Kloster in Aachen und hat dort den Namen Aquensis erhalten. Da dem Ausbildungsjahr bei HfH der Buchstabe O zugeordnet war, wurde aus Aquensis O-Aquensis, doch er wird von mir mit seinem Namen Aquensis gerufen, welcher sich auf die Stadt Aachen bezieht.
Die große Entfernung
700 km ist Aachen von Berlin entfernt, man benötigt mit dem Auto mindestens 8 Stunden und das ist mit meinem Handicap recht beschwerlich. Außerdem muss meine Frau Kathrin die ganze Strecke alleine fahren.

Ein kleines Wunder
Umso mehr erscheint es mir wie ein kleines Wunder, dass Aquensis den Weg quer durch Deutschland zu mir fand. Hundezucht betreibt das Kloster nicht, nur ihre Hündin Hanni sollte einmal Junge bekommen. Zum Kloster des Ordens der heiligen Elisabeth habe ich seit 10 Jahren guten Kontakt.
Verbundenheit mit dem Kloster
Ostern und Weihnachten erhalten Aquensis und ich ein kleines Paket mit leckeren Sachen für uns beide. Ich gestaltete Kalender mit Fotos meines Assistenzhundes und später mit meinen Fotos von Blumen, Kirchen, Klöstern und Landschaftsaufnahmen. Wir schrieben uns gegenseitig Briefe, E-Mails oder verständigen uns im WhatsApp-Chat.


Ankunft in Aachen
Wie vielen Menschen mit Handicap ist es auch für mich nicht leicht, auf Reisen zu gehen. Deshalb hatten wir bereits Besuch von den Elisabethinnen. Jetzt aber waren wir mit Aquensis auf dem Weg nach Aachen. Die Wärme und Herzlichkeit, mit der wir empfangen wurden, ist schwer zu beschreiben. Und auch Aquensis wurde von seinen Hunde-Schwestern freundlich begrüßt. Andere Hunde werden von Alicia und Aurelia verbellt, aber ihr Bruder hatte offenbar auch noch nach 10 Jahren den alten „Stallgeruch“.
Wiedersehen nach zehn Jahren
Er verbrachte drei Tage im Kloster und war dort der Liebling aller Schwestern, welche sich freuten, ihn nach zehn Jahren wiederzusehen. Sie erzählten, wie schön es in dieser Zeit gewesen sei, Fotos und Nachrichten von ihm zu erhalten. Es war ein warmer, sonniger Augusttag, als wir uns mit Sr. Johanna am Karlsbrunnen auf dem Hauptmarkt zur verabredeten Stadtführung trafen. Schon der erste Eindruck vom Platz war beeindruckend. Die aufwändig verzierte Fassade des Rathauses dominiert diesen Platz. So begann unser Stadtrundgang auch mit dem Rathaus.


Stadtführung mit Sr. Johanna
Mit Sr. Johanna durch Aachen zu gehen, ist ein besonderes Erlebnis, denn sie wird von vielen Menschen begrüßt – so auch vor dem Rathaus. Wir waren sehr überrascht, als uns Sr. Johanna die Oberbürgermeisterin vorstellte, welche uns in das Rathaus mitnahm, den Ort, wo einst die Krönungsfeiern der römisch-deutschen Könige stattfanden. Kaiser Karl der Große hatte bereits Aachen zur Kaiserpfalz gewählt.
Der Aachener Dom und die Geschichte
Besonders eindrucksvoll war der Besuch des Aachener Doms. Der Grundriss, ein Achteck (Oktogon), welches von einem Zwölfeck umschlossen wird, ergibt einen außergewöhnlichen Raumeindruck. Die Vorstellung, dass der Baubeginn etwa um 798 lag, würdigt mir als Architekt einen symbolischen Kniefall ab. Auch der Domschatz macht die Bedeutung Aachens deutlich. Alle sieben Jahre findet die Heiligtumsfahrt statt. Dann werden die von Karl dem Großen gestifteten vier Heiligtümer, wie beispielsweise das Kleid der Mutter Gottes, welches sie in der Nacht der Geburt Jesu getragen hatte, der Öffentlichkeit gezeigt – ein Ereignis, das tausende Pilger anzieht.


Klosteralltag und Vertrauen
Von dort gingen wir durch die Straßen der Altstadt zum Elisenbrunnen. Der Duft nach schwefelhaltigem Thermalwasser zog bereits römische Legionäre an, die schon vor 2000 Jahren die heißen Quellen nutzten. In dieser Zeit hieß Aachen Aquae Granni, worauf sich auch der Name meines Assistenzhundes Aquensis bezieht. Doch in der Luft liegt nicht nur Schwefelgeruch, sondern auch der Duft nach Printen – den berühmten Aachener Lebkuchen.
Auch für Aquensis war dieser Tag voller Abenteuer. Mit den Schwestern erkundete er das Kloster vom Speicher unter dem Dach bis hinunter vor die Krypta. Mit Aquensis zu spielen ist auch für die Elisabethinnen eine angenehme Abwechslung von ihrem Dienst an den Menschen. Trotz ihres hohen Alters arbeiten sie zum Beispiel in der Altenpflege und in der Versorgung Obdachloser.
Abschied und Dankbarkeit
Am nächsten Tag war eine ausführliche Klosterführung vorgesehen. Gemeinsam feierten wir um 11 Uhr Messe – die Schwestern und die Öffentlichkeit natürlich getrennt voneinander. Auch das Mittagessen nahmen die Elisabethinnen im Konvent ein, wobei wir im Gästebereich bewirtet wurden. Anschließend wurden wir von Sr. Johanna durch den Außenbereich geführt. Wir sahen die „Armenspeisung“, Duschen für die Obdachlosen und Waschmöglichkeiten für deren Sachen. Es ist der Gedanke der Ordensgründerin Apollonia Radermacher, kranken und hilfebedürftigen Menschen zu helfen, welcher diesen Orden noch nach über 400 Jahren trägt.
Nun wurde auch der verschlossene Bereich, die Konvent-Klausur, für uns geöffnet – ein Zeichen des Vertrauens und unserer Würdigung. Ich rollte ehrfurchtsvoll durch die Flure des Mutterhauses des Klosters der heiligen Elisabeth. Kaum ein Zimmer ließen wir aus. So sprachen wir mit einer 99-jährigen Schwester auf der Krankenstation und standen andächtig vor dem Schrein der Ordensgründerin Apollonia Radermacher (09.09.1571 – 31.12.1626) in der Krypta des Klosters. Ein gemeinsames Kaffeetrinken mit Gebet und Gesang bildete den Abschluss unseres Besuches.
Im Klostergarten machten alle noch Fotos und Hunde und Menschen nahmen mit schweren Herzen voneinander Abschied. Ein so enger und vertrauensvoller Kontakt zu den Züchtern seines Assistenzhundes ist mit Sicherheit außergewöhnlich. Aber ich habe hier auch außergewöhnliche Frauen kennengelernt, voller Freundlichkeit, Fröhlichkeit und Bescheidenheit. Und mir kommt es so vor, als wäre mir Aquensis quer durch Deutschland von dort geschickt worden. Schließlich hat er mich gefunden und nicht umgekehrt. Für mich ein Wunder, ein Geschenk und Glück.


